30. April 2024

Bio-inspiriertes design in der praxis

Bio-inspiriertes design in der praxis

Designen im Anthropozän

Die große Herausforderung unserer Zeit besteht darin, das Leben in Einklang mit der Natur zu lernen. Um uns an Umweltkrisen und die damit verbundenen sozialen Herausforderungen anzupassen, müssen wir ein auf Gegenseitigkeit beruhendes Ethos in Industrie, Institutionen, Nachbarschaften und Systemen etablieren. Das ist eine gewaltige Herausforderung.

Glücklicherweise stellt sich eine wachsende Allianz von Aktivisten, Wissenschaftlern, Designern und indigenen Gemeinschaften dieser Herausforderung. Die ökologische Krise führt zu einem ökologischen Erwachen. Schuhe sind nur ein kleiner Teil davon und Barfußschuhe ein noch kleinerer. Aber mächtige Bewegungen entstehen aus kleinen Teilen. Das Prinzip der Gegenseitigkeit wird von Grund auf neu definiert.

Die Regeneration der menschlichen und ökologischen Gesundheit war schon immer die Mission von Vivobarefoot und mit dem ESC können wir diese weiter vorantreiben. Wenn wir Barfußschuhe herstellen können, die in den wildesten Gebieten der Erde in Einklang mit der Natur bestehen, können wir dann nicht alle Schuhe in Einklang mit der Natur fertigen?

Die Natur als Lehrmeister

Was bedeutet es wirklich, im Einklang mit der Natur zu arbeiten? Für das ESC-Team bedeutet dies die vier Grundprinzipien des bio-inspirierten Designs.

01: NATÜRLICHE (REGIONALE) MATERIALIEN

Die ESC nutzt so viele natürliche Materialien wie möglich und lernt von ihnen. Im Idealfall handelt es sich dabei um regionale natürliche Materialien, die an die Gegebenheiten bestimmter Ökosysteme und Lebensräume angepasst sind. Manchmal sind synthetische Materialien am sinnvollsten – wie im Dschungel, der alles Organische doppelt so schnell zersetzt. Aber die Natur ist die Basis der ESC.

02: TRADITIONELLES ÖKOLOGISCHES WISSEN (TEK)

Indigene Kulturen leben seit Jahrtausenden in enger Verbindung mit der Natur und haben ein umfassendes biologisches Fachwissen entwickelt, das auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruht. Durch moderne „Fortschritts“-Narrative wurde das TEK lange Zeit ignoriert oder verdrängt. Das ändert sich langsam, aber die Notwendigkeit des TEK steigt schnell. Wie in Teil 2 erläutert, möchte ESC das TEK anerkennen und daraus lernen.

03: VERBINDUNG STATT EROBERUNG

Während wir vom TEK lernen, müssen wir gleichzeitig die kolonialistische Art der Erkundung verlernen, welche auf Eroberung und Kontrolle basiert. Diese Denkweise findet sich traditionell in der Outdoor-Ausrüstung wieder, die für den Schutz vor den Elementen entwickelt wurde. Was wäre, fragte sich das ESC-Team, wenn wir stattdessen versuchen, von der Natur zu lernen und mit ihr zu arbeiten, ohne die Funktionalität zu beeinträchtigen?

04: BARFUSS-PRINZIPIEN

Zu guter Letzt die Philosophie, die Vivobarefoot zugrunde liegt. Barfuß bedeutet, sich natürlich zu bewegen und sich wieder mit der inneren und äußeren Natur zu verbinden. Alle ESC-Schuhe folgen dieser Philosophie mit dünnen Sohlen, flexiblen Materialien und weiten Zehenbereichen – mitunter im krassen Gegensatz zu Schuhen, die traditionell in bestimmten Gebieten eingesetzt werden.

Unrein, unvollkommen, dafür aber beeindruckend

ESC lehnt die moderne Technologie nicht ab und versucht auch nicht, die Uhr zurückzudrehen. Aber er weigert sich, TEK oder die Natur selbst als unterlegen gegenüber moderner Technologie und als irrelevant für gutes Design abzutun. Und es verbindet neue innovative Materialien mit altem ökologischen Wissen. Bio-inspiriertes Design ist nicht gleichbedeutend mit Bio-Purismus.

Auch die ESC ist nicht perfekt. Wie alle Projekte bei Vivobarefoot ist es ein unvollendetes Werk. Wir sind wirklich stolz auf die ESC-Kollektion, aber uns ist bewusst, dass wir in den kommenden Jahren verbesserte Materialien, Prozesse und Lösungen entwickeln werden. Wir wollen beispielsweise vollständig auf die Verwendung von Kunststoffen verzichten. Der beste Weg dorthin ist die konsequente und transparente Umsetzung bio-inspirierter Designprinzipien.

Obwohl die ESC noch nicht vollendet ist, dürfen wir mit Fug und Recht behaupten, dass es sich bereits um eine beeindruckende Kollektion handelt. Um zu zeigen, wie biologisch inspiriertes Design zu diesem Erfolg beigetragen hat, haben wir uns mit den ESC-Designern Lee und Jenny über Beispiele aus den einzelnen Lebensräumen unterhalten.

Wüste: auf den Spuren der Kamele

Man könnte meinen, die größte Herausforderung bei der Herstellung eines Wüstenstiefels sei es, die Füße zu kühlen. Für ESC war es das auf jeden Fall, bis man auf riesige Dornen stieß. „Die unglaublichsten Dornen, die ich in meinem Leben gesehen habe, findet man in der Wüste“, erinnert sich Lee an die erste Reise des Teams nach Namibia. „Die bringen dich um!“

Die Suche nach einer durchtrittsicheren, aber gleichzeitig atmungsaktiven Sohle war die größte Herausforderung beim Desert ESC. Die gängige Auffassung ging in Richtung Rindsleder. Doch vor Ort kamen Jenny Zweifel. „Man denkt sich: Moment mal, hier leben Tiere – Kamele. Ich wette, deren Haut ist für diese Dornen weitaus besser geeignet. Ich habe hier noch keine Kühe gesehen.“ Lee pflichtet ihr bei: „Warum sollte man versuchen, etwas nachzumachen, was von der Natur bereits perfektioniert wurde?“

Die Beschaffung gestaltete sich schwierig, da Kamelleder nicht besonders häufig hergestellt wird. Aber als sie welches gefunden hatten, bestätigten Labortests ihre Vermutung: Kamelleder war dichter, zäher und durchstichfester als Rindsleder – und trotzdem atmungsaktiv. Daraus wird das Obermaterial des Desert ESC hergestellt.

Wald: der Mythos der Imprägnierung

Wälder sind in der Regel sehr niederschlagsreich und nehmen viel Feuchtigkeit auf. Das heißt, dass jeder gute Waldstiefel wasserdicht sein muss, damit die Füße trocken bleiben. Richtig?
Falsch. Der Wald war der erste ESC-Lebensraum und das ESC-Team musste feststellen, wie groß der Mythos der Imprägnierung ist. „Das erste, was uns die Überlebensexperten rieten, war, die imprägnierte Außenhaut wegzulassen“, sagt Lee. Wie in unserem Blog über Wanderstiefel-Mythen zu lesen ist, ist die Imprägnierung im Allgemeinen kontraproduktiv. Sie verhindert, dass Schweiß verdunstet, hält das eingedrungene Wasser im Inneren und lässt den Stiefel nur langsam trocknen. Das ist ein Grund für feuchte, träge Füße. 

Anstatt gegen die Natur anzukämpfen, wird beim Forest ESC Wildleder verwendet, das für Atmungsaktivität und eine gute Imprägnierung sorgt. „Wenn man das Leder mit natürlichem Balsam behandelt, kann man einen wirklich wasserdichten Stiefel schaffen, der trotzdem atmungsaktiv und natürlich ist“, erklärt Lee. Aus diesem Grund wird jedem Paar Forest-ESC-Schuhe ein kostenloser Renapur Lederbalsam beigelegt. Deshalb ist auch das Obermaterial sehr simpel gehalten, mit nur drei Nähten, um mögliche Wassereintrittstellen zu reduzieren.

Wassertauglich: Die perfekte Amphibie

Der Hydra ESC ist nicht nur wasserableitend, sondern auch vollständig amphibisch, d. h. er eignet sich sowohl für Trailrunning als auch zum Schwimmen. „Er ist dafür gemacht, dass wir uns in verschiedenen Umgebungen problemlos bewegen können“, sagt Jenny. „Es ist einfach fantastisch, dass ein Schuh das mitmacht. Swimrun ist eine wunderbare Beschreibung dafür, wie wir uns auf dem Planeten bewegen.“

Der Hydra ist so entworfen, dass er schnell trocknet und Wasser ableitet, um eine reibungslose Erkundung des Lebensraums Wasser zu ermöglichen. Aber die Gestaltung für die Erkundung von Gewässern geht über Entwässerung und Hydrodynamik hinaus. Der Hydra musste außerdem robust sein, um in unwegsamem Gelände zu bestehen, Schutz vor unter Wasser liegenden Felsen bieten sowie möglichst leicht und flexibel für natürliche Bewegung und Performance sein. Das war eine „ziemlich große Designherausforderung“, sagt Lee.

Das Team fand die Lösung in der Vielseitigkeit der Natur, die mit weniger mehr erreicht. „Man sieht keinen Baum, der sich mit Seilen vor dem Wind schützen will“, sagt Lee. SSie kamen zu dem Schluss, dass ein Käfig-Overlay für das Obermaterial (wie es auch beim Jungle ESC zum Einsatz kommt) Öffnungen zur Entwässerung, Atmungsaktivität und hydrodynamischen Performance mit Stegen zum Schutz und zur Strapazierfähigkeit kombinieren würde – ohne Abstriche bei Gewicht oder Flexibilität. Diese Erkenntnis führte zu einem bahnbrechenden (und wasserbrechenden) Barfußschuh.

Tundra: eine ungeahnte Isolierstrategie

„Viele Leute sind überrascht, dass der Tundra ESC ein Obermaterial aus Segeltuch ohne wasserdichte Membran hat“, sagt Jenny. Das scheint ein Garant für gefrorene Füße zu sein – und das im kältesten Lebensraum der Erde. Aber die Idee wurde von Mokassins aus Hirschleder inspiriert, wie sie von den Ureinwohnern hergestellt werden, sowie von den natürlichen Prozessen unseres Körpers.

„Was uns beigebracht wurde und was wir dann selbst zu bestätigen versuchten, war, dass man beim Gehen Wärme erzeugt“, erklärt Jenny. „Wenn man seinen Fuß ausreichend isoliert, kann man genügend Wärme erzeugen und speichern. Wichtig ist nur, dass die entstehende Feuchtigkeit abgeleitet wird.“ Aus diesem Grund ist der Tundra ESC mit einem Innenschuh aus 100 % Wollfilz ausgestattet, der effektiv isoliert und Feuchtigkeit ableitet.

Das atmungsaktive Segeltuch vollendet das System. „Die Feuchtigkeit wird durch das Segeltuch abgeleitet und bildet schließlich eine Barriere an der Außenhaut des Schuhs, die dann gefriert und zur windfesten Membran wird“, sagt Jenny. „Im Grunde genommen hat man jetzt ein Iglu an seinem Fuß.“

 

Bio-verbundene Erkundung

Diese Beispiele geben einen Eindruck davon, wie natürliche Materialien, TEK, Offenheit für natürliche Prozesse und das Bekenntnis zu den Grundsätzen des Barfußlaufens dazu beitragen, wirksame und manchmal überraschende Designlösungen zu finden, um im Einklang mit der Natur der wildesten Gebiete der Welt zu leben.

Sowohl für Jenny als auch für Lee hat das Gestalten und Testen im Einklang mit biologisch inspirierten Grundsätzen nicht nur zu gutem Schuhwerk geführt. Es förderte auch ein neues Verständnis für das Erforschen mit einem Ethos der Verbindung, der Suffizienz und der Gegenseitigkeit. In unserem nächsten Blog werden wir diesen Weg weiterverfolgen und uns mit der Beziehung zwischen ESC und der Erkundung wilder Lebensräume beschäftigen.

 

Wird geladen …